Der Gitarrist und Sänger von Pink Floyd präsentierte in intimem Rahmen sein neues Album On An Island.
Ausgerechnet Dortmund. Ein trister Flecken im von Industrie geprägten Ruhrgebiet und laut der bekannt vertrauenswürdigen „Bild“-Zeitung die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate in ganz Deutschland. Fürchten muss man sich Freitag Abend in den Gassen der Altstadt freilich nicht. Es herrscht gähnende Leere, nicht einmal lärmende Jugend ist unterwegs. Wahrscheinlich wissen die Teenager: Diese Nacht gehört den Eltern. Schließlich ist niemand geringerer als die Gitarre und Stimme von Pink Floyd in der Stadt. David Gilmour beginnt hier eine sehr kleine, sehr exklusive Tournee zu seinem jüngsten, erst dritten Soloalbum On An Island. Die Insel von Dortmund ist heute das erst vor wenigen Jahren errichtete, moderne Konzerthaus, das sonst reisenden Stars der Opernszene wie Edita Gruberova Unterkunft bietet. Der Rahmen ist am Anlass gemessen eigentlich viel zu klein, lächerliche 1.500 Seelen finden Platz. Akustisch liefert der in die Höhe ausgerichtete Saal jedoch auch für den Klassiker des Rock das passende Umfeld. Hier können der Bühnennebel und die Töne seiner unverkennbar singenden Gitarre langsam gen Himmel steigen, bis kein Auge und Ohr trocken bleiben. Wäre jetzt noch ein Orchester anwesend, könnte man Symphonic Rock auferstehen lassen, mit Gilmour als erste Geige. So weit wird es an diesem Abend dann doch nicht kommen. Aber langsam steigt schon die Spannung im Foyer. Nach einem nervösen Bier an der Bar werden die Karten vorgezeigt, etwas über 100 Euro kostet die beste Kategorie. Wucher? Fans würden ohne zu murren auch das Doppelte hinlegen allein für das, was ihnen im zweiten Teil der nächsten gut zwei Stunden geboten wird. Schnell noch vor die Bühne gedrängt und mit dem Handy die Gitarren-Armada fotografiert. Ohne Absperrung, so nahe kommt man Pink Floyd in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr. Dann bitte Platz nehmen, das Licht wird gelöscht.
Elektronische Bässe brummeln, Orchestertöne vom Band legen sich darüber zu einer Unheil verkündenden Kakophonie, visuell begleitet von dichten Nebelschwaden. Alltagshektik und Entfremdung, lasst nach! Dann die Erlösung, die Bühnenmitte erstrahlt in gleißend hellem Scheinwerferlicht, der erste charakteristisch klagende, fast unendlich in die Länge gezogene Gitarrenakkord erklingt und Er erscheint. Tosender Beifall für die ebenso simple wie effektive Inszenierung. Aus einem Minimum an Einfällen das Maximum an Wirkung ziehen, das könnte auch als Motto über David Gilmours Soloschaffen stehen. Schnell wird deutlich, was auch schon für die späten Floyd ohne Roger Waters gilt: Songwriting ist Gilmours Stärke nicht, aber er braucht nun mal eben Strophe, Refrain und ein paar Worte, ehe er sich zum nächsten Mal in die Saiten versenken kann. Für die Erfüllung der Pflicht gönnt er sich bis zu drei ausgiebige Soli pro Song. Die Band mit Pink-Floyd-Tastenmann Richard Wright und Roxy-Music-Gitarrist Phil Manzanera, der auch als Co-Produzent des auf Gilmours Hausboot aufgenommenen On An Island fungierte, gibt sich vom ersten Ton an mit der Statistenrolle zufrieden, freut sich, dabei sein zu dürfen, wenn Gilmours virtuose Gitarre wechselweise leise weint und laut heult. Zwischen den Songs wendet sich der als Grantscherben bekannte Star manchmal mit ein paar pointierten Bemerkungen an sein Publikum. „Ihr wollt rocken? Das werden wir aber nicht.“ Immerhin stellt er für die zweite Hälfte des Abends einige Klassiker in Aussicht. „Es gibt aber auch gute Sachen in der ersten Hälfte.“ In schöner Pink-Floyd-Tradition bestreitet er diese mit dem neuen Album in voller Länge. Eine Stunde wohliges, sanftes Plätschern kann lang dauern, ganz anders als beim Inselurlaub, der immer viel zu schnell vergeht.
Nach der Pause beginnt der Abend ein zweites Mal, und nun richtig. Das Gehör des Publikums ist bestens geschult, schon der eröffnende g-Moll-Akkord von „Shine On You Crazy Diamond“ wird frenetisch bejubelt. Damit beginnt eine gute Stunde mit Hits und etwas weniger bekannten Stücken von Pink Floyd, „Comfortably Numb“, „Echoes“, „Wish You Were Here“, „Breathe“, „Wot’s... Uh The Deal“, Teilen aus dem Spätwerk Division Bell sowie der Syd-Barrett-Komposition „Dominoes“, als Verneigung vor jenem vorzeitig verglühten Stern, dem David Gilmour bei Pink Floyd folgen sollte. Ein intensiver Moment, wie fast die ganze zweite Hälfte. Man weiß am Ende zwar, warum wegen Pink Floyd Punk erfunden wurde, man kann sich aber anderseits diesem Bombast auch als Spätgeborener nicht entziehen. Und David Gilmour? Ihm scheint der Jubel über die alten Lieder herzlich egal. Eine große Pink-Floyd-Reunion sollte man sich wohl endgültig abschminken. Gilmour solo hat gezeigt, dass er im Fall des Falles auch allein ganz gut Pink Floyd sein kann. Und noch eines steht nun außer Zweifel: Außer für ein paar Konzerte wird dieser Mann seine Insel nicht mehr verlassen.
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