Kritiken --- Tex Rubinowitz - Ramses Müller (14. 9. 2009)
Tex Rubinowitz
Ramses Müller
Von: Sebastian Fasthuber
Der Witzezeichner und sein funkelnder Poproman.
Tex Rubinowitz, auch bekannt als neurotischer „Mann aus dem Schrank“ aus „Willkommen Österreich“, ist ein Mann mit vielen Talenten. Neben seinen Zeichnungen und der Band Mäuse mit dem Wiener Elektroniker Gerhard Potuznik (deutschsprachige Suicide), die er kürzlich wieder reaktiviert hat, hat er sich in den letzten Jahren immer öfter als Schreiber versucht. Jetzt legt er mit Ramses Müller seinen ersten Roman vor. Die Bedenken, dass Rubinowitz’ abstruser Humor nach ein paar Seiten doch eher nerven könnte, sind schnell dahin: Überraschenderweise versteht er es blendend, seine um die Ecke laufenden Schilderungen des Blenderlebens cooler junger Menschen in Berlin mit einer Dramaturgie zu versehen. Spätestens, wenn man das Benjamin von Stuckrad-Barre-Double (nein, nicht der echte, der Mann wird nur immer mit dem berühmt-berüchtigten Soloalbum-Autor verwechselt) kennengelernt hat, das in dem Buch eine Hauptrolle spielt, will man es nicht mehr aus der Hand legen. Zum Glück ist Ramses Müller mehr als nur eine Ansammlung von Zitaten und Kneipengesprächen, die der von der Popkultur und den Medien gründlich verdorbene Rubinowitz über die Jahre zusammengetragen hat und nun seinem verqueren Personal unterschiebt. Das Buch entwickelt auch einen beachtlichen Flow und Swing. Ramses Müller bietet eine hochgradig amüsante Mischung aus den Romanen von Joachim Lottmann, Sven Regener und Heinz Strunk – mit eigener Note.
Leseprobe:
Schubal, der heißt wirklich so, seinen Vornamen gab er ja nie preis, fragte ihn ja auch keiner danach, Schubal also wie der Heizer, der rumänische, auf dem Schiff von Kafkas Amerika, also das Buch jetzt, Kafka war ja kein Reeder. Weil den 16-jährigen Karl Rossmann das 35-jährige Dienstmädchen Johanna Brummer verführt hat und ein Kind von ihm bekommt, schicken ihn seine Eltern aus Prag fort zum Onkel Jakob nach Amerika, und auf dem Schiff ist seine erste Vertrauensperson eben jener Heizer, vielleicht war Schubal ein Pseudonym Schubals, vielleicht nannte er sich nur so, dann wäre er cleverer als der Eindruck, den er bei allen hinterließ. Schubal also, also nicht der Heizer, aber Moment, vielleicht hieß er Heizer? Aber nein, das wäre doch eine Ecke zu raffi niert für ihn, aber wer weiß, vielleicht haben sich alle in ihm getäuscht und er hatte alle anderen in der Hand, sie waren letztlich seine Marionetten, so ist das doch in schlechten Filmen, Krimis, wenn der Simpelste alle in Schach hält, Die üblichen Verdächtigen, der eine mit dem Hinkebein, Keyser Soze, Kevin Spacey, stellt sich klein und schwach, als geprügelter Hund dar, fährt am Ende mit Kobayashi im Taxi weg, während der Kommissar vor Wut in seinen Hut beißt, lustig, sollten sie sich am Ende doch in Schubal getäuscht haben? Schubal, reimt sich auf Zufall, König Zufall, wenn der Zufall die Normalität, den Fluss des Lebens bestimmt, vielleicht war er doch der Lenker, der Geringste unter euch soll euch führen, wie Jesus über das Wasser. Na, am Anfang bzw. im ganzen Hergang war er schon eine reichlich traurige Gestalt, nicht? Freunde? Fehlanzeige, eine Mutter gab’s irgendwie, hat man so gehört, Schwester auch, irgendwo in Niedersachsen, wo sonst? Celle fiel wohl mal in irgendeinem Gespräch, aber es kann auch irgendein nichthumanes Geräusch gewesen sein, das zufällig wie Celle klang, eine umkippende Tasse etwa, über seine Herkunft hat er ja auch nicht geredet, oder man wollte es einfach nicht hören, weil alles so langweilig klingt, manhat es sofort wieder gelöscht aus dem Erinnerungsspeicher, kann sein, dass er mit seiner Herkunft gebrochen hat, nein, gebrochen klingt auch wieder zu pathetisch für Schubal, die Mutter wusste wohl nichts mit dem Sohn anzufangen, sie hatten sich nichts zu sagen, verschiedene Wellenlängen, und die Schwester, für die gab es nur ihre Akne, einziger Lebenszweck … nein, Uelzen war das, wo der herkam, die Stadt, die sich keck mit einem fehlenden Umlaut schmückt, die vielen Teile des Puzzlespiels müssen erst noch gestanzt werden, bevor sie zusammengeschoben werden können, ein Bild zerstören, zerlegen, um es zusammensetzen zu können. Also Schubal aus Uelzen.
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