Das mag in der heutigen schnelllebigen Zeit für viele altmodisch wirken, für mich klingt es nur gut und vernünftig. Es ist altmodisch. Heute ist es ja so, dass an jedem neuen Album eine ganze Reihe von Produzenten und Songschreibern arbeitet. Und für das nächste Album muss gleich wieder das gesamte Team ausgewechselt werden. Die Musikindustrie ist eine unbeständige, unstete Branche geworden. Es wieder so wie in den 1950ern, in der Zeit bevor man ganze Alben aufzunehmen begann, und es nur um einzelne Songs ging, die Hits werden sollten, und alles nur ein einziger hektischer Mischmasch war. Aber mir geht es um Langlebigkeit und Ausdauer, um eine kontinuierliche Entwicklung. Darum freue ich mich jetzt auch auf meine Tournee, weil ich mit diesen Leuten einfach gerne zusammen bin. Wir haben schon so viel Spaß, wenn wir im Studio arbeiten. Jeder genießt es, wenn wir zusammen sind. Es ist ein Riesenglück, dass das so ist.
Helena Josefssons starke, soulige Stimme hat auch auf Party Crasher eine tragende Rolle – mitunter fast so wie früher Marie Frederiksson bei Roxette. So habe ich das am liebsten. Das ist wie bei Roxette. Als wir in den 1980ern anfingen, war die Grundidee, dass ich die Songs schreibe, und Marie die Songs singt. Dann haben wir das geändert. Marie hat einige Songs geschrieben, ich habe einige Songs gesungen. Wenn es um Stimmen geht, finde ich es wunderbar, wenn man verschiedene Farben zusammenmischen kann. Einige meiner Lieblingsbands haben mehrere Sänger, so wie die Beatles oder Fleetwood Mac, die vielleicht ein noch besseres Beispiel dafür sind mit den starken Stimmen von Stevie Nicks, Christine McVie und Lindsay Buckingham. Mit verschiedenen Sängern hat man bei den Songs und bei der Produktion viel mehr Möglichkeiten offen. Für Party Crasher war Helena praktisch von Beginn an mit dabei, als ich die Songs ihr, Clarence und Christoffer zum ersten Mal vorgespielt habe. Sie ist nicht nur einmal kurz ins Studio gekommen, um ihren Gesangspart einzusingen. Sie war den ganzen Schaffensprozess über in alles involviert. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sie gar so viel singt auf der Platte. Es gab ehrlich gesagt sogar einen Punkt, wo ich mir dachte, jetzt singt sie aber schon zuviel. Darum ist sie auch in den letzten Songs, die ich aufgenommen habe, „The Party Pleaser“ und „Gut Feeling“, überhaupt nicht mehr mit dabei. Ich musste da noch schnell einen Kontrapunkt setzen. (Lacht)
Sie sollen in letzter Minute auch noch einige Songs auf dem fast fertigen Album ausgetauscht haben. Warum das? Ein unstillbarer Hang zum Perfektionismus? Das Album war mir plötzlich zu langsam vom Tempo her, es waren zu viele Balladen, die sich alle aus den anfänglichen Grooves heraus entwickelt hatten. Ich habe also einige langsamere Songs heruntergenommen und noch „The Party Pleaser“ und „Gut Feeling“ geschrieben, um mehr Tempo und Energie hineinzupacken. Vielleicht ist das auch nur eine Geschmacksfrage, aber es ist auch kein unüblicher Prozess, wenn man eine Platte macht. Man versucht immer bis zum Schluss, die richtige Temperatur hinzubekommen.
Und beim Schreiben einzelner Songs, wie arbeiten Sie da? Anders als die meisten in der Pop-Branche heute. Es gibt heute ja kaum noch Songschreiber, die alleine arbeiten. Bei den Britney Spears und Kelly Clarksons dieser Welt sind ja große Songschreiberteams am Werk. Wenn man in diesem Stil arbeitet, muss zwangsläufig jede Persönlichkeit verloren gehen. So etwas funktioniert für mich nicht. Man fühlt doch selbst am besten im Bauch, wenn ein Song gut ist. Ich habe so viele Ideen für Songs herumschwirren, ob auf Papier oder auf Aufnahmegeräten, an denen ich immer wieder einmal arbeite und dann wieder liegen lasse, weil nichts Gutes herauskommen will. Und ein anderes Mal wird plötzlich etwas daraus. Obwohl ich schon zugeben muss, dass ich früher praktisch die ganze Zeit über neue Songs geschrieben habe. Heute schreibe ich eigentlich nur noch, wenn ich an einem neuen Projekt arbeite. Als bei Party Crasher klar war, dass die Ausgangsbasis die Grooves sein sollen, habe ich ziemlich schnell 16, 17 neue Songs geschrieben, von denen wir die meisten auch aufgenommen haben. Seit dem letzten Sommer habe ich aber noch kein einziges neues Lied gemacht.
Ihre Musikerkarriere läuft jetzt schon an die dreißig Jahre. Sie selbst sind im Jänner 50 Jahre alt geworden. Welche Zwischenbilanz können Sie ziehen? Von außen betrachtet sieht man ein zufriedenes, erfülltes Leben und einen überhaupt nicht abgehobenen, stark verwurzelten Menschen und Musiker. Täuscht dieser Eindruck? Ich hatte sehr viel Glück in meiner Karriere, es ist alles wunderbar gelaufen, und ich versuche daher bescheiden zu bleiben. Ich nehme auch nicht alles als garantiert hin für die Zukunft. Ich bin einfach stolz auf meinen Katalog an Songs aus all den Jahren. Überall auf der Welt gibt es Leute, die sich immer noch „It Must Have Been Love“ und „Listen To Your Heart“ anhören oder welches meiner Lieder auch immer. Ich denke da aber nicht zu viel darüber nach, ich möchte meine Arbeit weiterführen, ich will nicht an der Vergangenheit festkleben. Ich habe auch schon wieder neue Pläne für die Zeit nach der kommenden Tournee, die jetzt im April startet.
Wie wird die Tournee laufen? Es wird eine kleine Club-Tournee, wir beginnen am 16. April in Finnland und spielen Konzerte in 14 europäischen Städten. Ich habe mir diese Tournee quasi selbst zum 50. Geburtstag geschenkt. Passend zum neuen internationalen Album Party Crasher möchte ich die größten Hits unter meinen englischsprachigen Songs spielen. Ich werde daher auch viele Songs von Roxette bringen, aber auch Stücke von den Soloplatten Son Of A Plumber, The World According To Gessle und natürlich Party Crasher. Es gibt ja viele Songs wie „Listen To Your Heart“, die ich bei Roxette für Marie geschrieben und bis jetzt noch nie gesungen habe, jedenfalls nicht auf der Bühne und meist überhaupt nur auf den ersten Demobändern. Jetzt werde ich sie endlich einmal selbst live singen, und es wird eine gitarrengetriebene Powerpop-Show werden mit vielen guten alten und neuen Stücken.
Hat es für Sie in all den Jahren eine echte Alternative zum Musikerdasein gegeben? Nein. (Lacht) Wenn ich dazu gezwungen gewesen wäre, hätte es mich schon irgendwo hin verschlagen. Aber einen richtigen Plan B hat es nie gegeben. Ich hatte meinen ersten Hit im Frühjahr 1980, als ich gerade 21 Jahre alt geworden bin. Dann haben wir [mit seiner ersten Band Gyllene Tider – Anm. d. Red.] unser erstes Album veröffentlicht, das ein großer Erfolg wurde, und wir sind gleich auf Tournee gegangen und haben über 130 Konzerte gespielt in einem Jahr. Und so ist es weiter gelaufen, es gab für mich daher nie einen Grund, mir eine Alternative zu überlegen oder irgendetwas zu verändern. Ich konnte machen, was ich am meisten liebe. Mein Vater war von Beruf ja Installateur, daher auch der Künstlername „Son Of A Plumber“. (Lacht) Ich selbst wollte als Schüler gerne Architekt werden und habe auch zu studieren begonnen, aber es nie zu Ende gebracht. Ich habe also gar keinen richtigen Beruf erlernt.
Würden Sie heute, wenn Sie noch einmal zwanzig Jahre jung wären, wieder Musiker werden? In einer Zeit, in der die Musikindustrie zusammenkracht, und man als Musiker sich seinen Lebensunterhalt noch viel schwerer verdienen muss als früher, als es für die Leute noch nicht die Möglichkeit gab, im Internet jedes Musikstück herunter zu laden, ohne dafür die Plattenfirmen und Musiker bezahlen zu müssen. Nein, ich glaube nicht. Heute ist Pop- oder Rockmusik für einen 20-Jährigen auch gar nicht mehr so interessant und lebensnotwendig, wie sie es damals für mich war. Ich sehe das ja bei meinem 11-jährigen Sohn. Wenn ich seine musikalischen Ambitionen und seinen musikalischen Geschmack mit mir als 11-Jährigem vergleiche, dann sind das zwei verschiedene Welten. Heute haben die Kids so viele verschiedene Möglichkeiten, um Spaß zu haben, vom Computer und der Playstation bis was auch immer. Für mich gab es nur die Musik, und nur die Musik allein. Ich habe mein ganzes Leben mit der Musik identifiziert. Ich brauchte die Musik, wenn ich glücklich war, und ich brauchte sie, wenn ich traurig war. Wenn ich mich verliebt habe oder eine Liebe zerbrochen ist. Die Musik war immer da für mich. Aber die Leute halten das heute nicht mehr so. Das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, die Zeiten haben sich nur stark verändert. Vielleicht würde ich heute als 20-Jähriger auch viel lieber etwas Kreatives mit dem Computer machen als Musiker zu werden.
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