Es passiert selten, dass einen ein Buch nicht nur anspricht und unterhält, womöglich noch auf intelligente Weise, sondern bei der Lektüre von der ersten Seite und vom ersten Satz an zu überraschen versteht. So verhält es sich mit Ausgehen, dem Debüt der Belgrader Autorin und ehemaligen Germanistik-Studentin Barbara „Barbi“ Marković (Jahrgang 1980), einer bis zum Satzbau und die Rhythmik der Sprache getreuen Nachbildung von Thomas Bernhards bekannter Erzählung Gehen vor anderem Hintergrund. Während es dort um eine Gruppe sensibler Denker geht, die sich mehrmals wöchentlich im 20. Wiener Gemeindebezirk zu Spaziergängen treffen - wobei einer von ihnen letztlich durchdreht und in die Anstalt am Steinhof eingewiesen wird -, verlegt Marković die Handlung ins Belgrader Nachtleben. Statt Gehen ist Ausgehen angesagt - oder auch nicht, denn eine Figur beschließt eines Nachts, nicht mehr auszugehen. Ihre beiden Freundinnen bleiben zurück und denken an die Ex-Clubberin, die nur mehr vor dem Fernseher sitzt und sich der totalen Entspannung annähert, zurück.
Idealerweise sollte man Bernhards Originaltext vorher schon gelesen haben, bevor man sich Marković’ grandioser Nachdichtung widmet. Es ist zwar nicht unbedingt notwendig, aber die Geistes- und Humorblitze funkeln einen, wenn man die Anspielungen und die Parallelen zwischen den Texten versteht, umso heller an. Außerdem bedarf es, ist man den mehr an der Alltagssprache angelehnten Ton heutiger Erfolgsautoren wie Kehlmann gewohnt, ein wenig Einübung, um sich wieder in die legendären Schachtelsätze und indirekten Reden des Ohlsdorfers hineinzudenken. „Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler. Weil Karrer am Montag mit mir gegangen ist, gehen Sie, nachdem Karrer am Montag nicht mehr mit mir geht, auch am Montag mit mir, sagt Oehler, nachdem Karrer verrückt und sofort nach Steinhof hinaufgekommen ist.“ So beginnt das Original. In Ausgehen lautet die Passage: „Während ich, bevor Bojana vom Clubben genug hatte, nur am Samstag mit Milica ausgegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Bojana vom Clubben genug hat, auch am Sonntag mit Milica aus. Weil Bojana am Sonntag mit mir ausgegangen ist, gehst du jetzt, nachdem Bojana am Sonntag nicht mehr mit mir ausgeht, auch am Sonntag mit mir aus, sagt Milica, nachdem Bojana jetzt genug hat und vor der Glotze klebt.“ Das alles zersetzende Denken der Bernhard-Figuren wiederum klingt bei den Raverinnen so: „Hören wir Musik, prüfen wir, was wir hören, und prüfen, was wir hören, so lange, bis wir sagen müssen - das, was wir hören, ist nicht herausragend, es ist mittelmäßig, was wir hören.“
Marković’ Figuren sind vom jahrelangen Ausgehen und den Drogen, die sie genommen haben, noch nicht abgestumpft. Sie gehören nicht zu den typischen Belgrader Party-People und schon gar nicht zur VIP-Szene, sie sind leidenschaftliche Musikliebhaberinnen und in einer von billigem Stil und Mode dominierten Umfeld deshalb Außenseiterinnen. Kein Wunder, dass Bojana ausgerechnet bei einem Auftritt von Plastikman, dem Alter ego des kanadischen Minimal-Techno-Stars Richie Hawtin, durchdreht und die anwesenden Feierwütigen beschimpft. Wissen diese doch überhaupt nicht zu schätzen, wer da für sie auflegt: „Das müsst ihr zugeben, dass ihr keinen Stil habt! Das müsst ihr mir zugeben!“ Ein fulminantes kleines Buch, von Mascha Dabić kunstfertig ins Deutsche rückübersetzt.
Leseprobe:
Während ich, bevor Bojana vom Clubben genug hatte, nur am Samstag mit Milica ausgegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Bojana vom Clubben genug hat, auch am Sonntag mit Milica aus. Weil Bojana am Sonntag mit mir ausgegangen ist, gehst du jetzt, nachdem Bojana am Sonntag nicht mehr mit mir ausgeht, auch am Sonntag mit mir aus, sagt Milica, nachdem Bojana jetzt genug hat und vor der Glotze klebt. Und ohne zu zögern, habe ich zu Milica gesagt, gut, gehen wir auch am Sonntag aus, nachdem Bojana die Nase voll hat und vor der Glotze klebt. Während wir am Samstag immer ins Basement (welches fancy ist) ausgehen, gehen wir am Sonntag ins Idiot (welches trash ist), auffallenderweise gehen wir am Sonntag viel früher aus als am Samstag, wahrscheinlich, denke ich, ist Milica mit Bojana immer früher ausgegangen als mit mir, weil sie am Samstag viel später, am Sonntag viel früher ausgeht. Aus Gewohnheit gehe ich, wie du siehst, sagt Milica, am Sonntag viel früher aus als am Samstag, weil ich mit Bojana (also am Sonntag) immer viel früher ausgegangen bin als mit dir (am Samstag). Weil du, nachdem Bojana die Nase voll hat, nicht mehr nur am Samstag mit mir ausgehst, sondern auch am Sonntag, brauche ich meine Gewohnheit, am Sonntag und am Samstag auszugehen, nicht zu ändern, sagt Milica, freilich hast du, weil du jetzt am Samstag und am Sonntag mit mir ausgehst, deine Gewohnheit sehr wohl ändern müssen, und zwar in einer für dich wahrscheinlich unglaublichen Weise, sagt Milica. Dub come save me10-roots_manuva-witness_dubEINSTURZENDE NEUBAUTEN 2Sound1996Ende Neu 3 - Die Explosion im Festspielhaus anna morozova—the bottom line. DJ Krush - Back In The Base12 Dj Vadim - Call Me. Dj hell - ebhm cd1 - 09 - smith n hack - for disco play only.tuxedomoonDivine 8. Queen Christina Martini Bros_flash (Tiga’s acid flashback mix) Gutbucket - Live in Vienna 9 - Tango Abstractions Es ist aber gut, sagt Milica, und sie sagt es in unmissverständlich belehrendem Ton, von größter Wichtigkeit für den Organismus, ab und zu und in nicht zu großem Zeitabstand, die Gewohnheit zu ändern, und sie denke dabei nicht nur an ändern, sondern an ein radikales Ändern der Gewohnheit. Du änderst deine Gewohnheit, sagt Milica, weil du jetzt nicht nur am Samstag mit mir ausgehst, sondern auch am Sonntag, und das heißt jetzt abwechselnd mit mir ins Basement (am Samstag) und ins Idiot (am Sonntag), während ich meine Gewohnheit dadurch ändere, daß ich bis jetzt am Samstag immer mit dir ausgegangen bin, am Sonntag jedoch mit Bojana, aber jetzt gehe ich am Sonntag und am Samstag und also auch am Sonntag mit dir aus und also mit dir am Samstag ins Basement (welches fancy ist) und am Sonntag mit dir ins Idiot (welches trash ist). Die Rede ist von Wochenendgewohnheiten.
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