Kritiken --- Bob Dylan - Christmas In The Heart (20. 10. 2009)
Bob Dylan
Christmas In The Heart
Von: Klaus Winninger
Singt Santa Bob schon oder räuspert er sich noch?
Ich bekenne erstens, ich habe eine eigene Christmas-Abteilung im Plattenregal, von Phil Spectors legendärem Album A Christmas Gift For You über James Brown, Bing Crosby, Chris Isaak, Diana Krall, Low, Dean Martin, Lou Rawls, Frank Sinatra, Sufjan Stevens, Luther Vandross oder Brian Wilson bis zum lässigen Weihnachts-Sampler von ZE Records. Und noch eine Menge mehr oder weniger herrlichen Weihnachtskitsch dazwischen. Ein Christmas-Album löst bei mir also nicht gleich das große Gruseln aus.
Ich bekenne zweitens, ich hatte schon immer das größte Vergnügen mit Bob Dylans vielgeschimpftem 1970er Doppelalbum Self Portrait, auf dem er eigene Schöpfungen wie das minimalistische „Wigwam“ genauso entrückt schmalzt wie fremdkomponierte Beinaheschnulzen wie „Let It Be Me“, „Blue Moon“ oder „Take A Message To Mary“. Ich besitze dieses von so ziemlich allen Fans und Dylanologen gehasste Werk auf Vinyl, CD und höre es auch am iPod. Der echte Dylan-Jünger verabscheut Self Portrait, weil darauf keine tief vergrabenen Bedeutungen oder verborgenen Botschaften zu finden sind, es gibt nichts zu interpretieren. Self Portrait wird geringgeschätzt, weil Bob Dylan darauf einfach aus Spaß an der Freud schnulzige Lieder singt. Ich mag die Platte gerade deshalb sehr.
Es muss also nicht weiter verwundern, dass ich auch mit Bob Dylans neuem Langspieler Christmas In The Heart meine Freude habe. Die Dylan-Gemeinde echauffiert sich dafür umso mehr über das allererste, für sie nur zu banale, weil ganz und gar nicht doppelbödige Weihnachtsalbum des Meisters. Allein der wohltätige Zweck des Ganzen stimmt sie vielleicht milder. Ich für meinen Teil höre Christmas In The Heart nach dem eher unterwältigenden Album Together Through Life umso lieber. Auch wenn seine Bobheit damals auf Self Portrait noch geschmeidigere Stimmbänder hatte, um derart delikat schmachten zu können. Und man muss sich bei Christmas In The Heart schon die Frage stellen: Singt Santa Bob schon oder räuspert er sich noch?
Egal. So herzhaft wie Bob Dylan hier diesen uramerikanischen Santa-Claus- und Christmas-Kitsch greint, müsste man schon ein erklärter Weihnachtshasser oder Berufszyniker sein, um davon völlig ungerührt zu bleiben. Dylan agiert übrigens unter seinem gängigen Pseudonym Jack Frost, das gerade für diese Platte perfekt passt, auch als Produzent. „Here Comes Santa Claus“, „Winter Wonderland“, „I’ll Be Home For Christmas“, „Little Drummer Boy“, „Have Yourself A Merry Little Christmas“ oder „Silver Bells“ schunkeln frohgemut in flauschigen Arrangements voller Schlittenglöckchen, süßer Frauenchöre und anderer musikalischer Glitzerware um den Baum, das hätte sicher auch Bing Crosby oder Sinatra gut gefallen. Dazu stimmt Santa Bob noch einige uralte Kirchenweihnachtslieder wie „O’ Little Town Of Bethlehem“ oder „O’ Come All Ye Faithful“ an, poltert samt galoppierendem Akkordeon durch die Tex-Mex-Polka „Must Be Santa“ oder – Achtung – feiert mit „Christmas Island“ Weihnachten auf Hawaii. All das kommt mit einer unpackbar nostalgischen, wohligen Seligkeit auf uns zu, ohne jede ironische Brechung. Mysteriöse Botschaften, verblasen vom Wind. Bob Dylan meint das mit seiner verwitterten Raspelstimme so wahrhaftig und ernst wie wahrscheinlich auch den Albumtitel und das altväterische Covergemälde. Tauet Himmel den Gerechten.
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