Mit Laptop und Gitarre: Der englische Musiker und Sänger verfeinert wuchtigen Dubstep mit gefühlvollem Soul.
Was macht der Laptop auf der Bühne? „Das ist natürlich keine ideale Situation“, gesteht Jamie Woon ein. „Aber die Möglichkeiten, die ein Laptop offeriert, sind nicht von der Hand zu weisen. Obwohl ich mich persönlich wohler fühle, wenn ich eine Gitarre umgeschnallt habe.“ Der 28-jährige Londoner ist nach James Blake der nächste Künstler aus der britischen Dubstep-Szene, der sich Richtung Pop bewegt. Begonnen hat der Sohn der schottischen Folksängerin Mae McKenna als konventioneller Singer/Songwriter. Dann entdeckte er die faszinierende Welt der elektronischen Musik, im speziellen den in Südlondon entstandenen Dubstep.
Erstmals Eindruck machte er mit der EP „Wayfarin’ Stranger“, einem Folk-Traditional, das durch einen Remix von Dubstep-Kultfigur Burial geadelt wurde. Für sein Debütalbum Mirrorwriting hat er sich drei Jahre Zeit gelassen. „Ich bin halt ein Perfektionist und Tüftler“, erklärt er. „Mich interessierte es, Stimmungen und Tempi möglichst oft zu variieren, aber doch eine zusammenhängende Songsammlung vorzustellen, die einem einfährt wie ein Album von Jeff Buckley.“ Das glückt aufgrund seines sensiblen Soul-Gesangs blendend. Auf dem flotten „Lady Luck“ klingt Woon wie ein modernisierter Justin Timberlake, „Shoulda“ erinnert ein wenig an das verschwundene R’n’B-Genie D’Angelo. Auch auf verschummerten Kleinodien wie „Night Air“ halten sich Innovation und Beseeltheit die Waage.
Jamie Woon hat, wie so viele andere neue britische Stars von Amy Winehouse bis Mika, die berühmte Pop-Kaderschmiede an der Londoner „BRIT School“ absolviert. Gesanglich hat er aber vor allem bei seiner Mutter gelernt. Sie hat nicht nur selbst sehr gute eigene Alben abgeliefert, sondern auch als Studiosängerin Kapazitäten von Björk bis Michael Jackson unterstützt. Woon wiederum nennt zudem so unterschiedliche Künstler wie den amerikanischen Singer/Songwriter und Gitarrenvirtuosen J. J. Cale („After Midnight“) oder seinen britischen Kollegen James Blake als wichtige Einflüsse. Auf der Bühne wirkt er trotz einer gewissen Introvertiertheit souverän. Mit großer Sanftheit agiert er zwischen böllernden Beats und den Abgründen gefährlich gähnender Stille. Zwischendurch schnallt er sich auch die Gitarre um, verwöhnt mit außergewöhnlichen Akkorden. Er liebt Experimente, verliert sich aber nie in ihnen.
Jamie Woon - „Night Air“ (Mirrorwriting, 2011)
Der ambitionierte Klangtüftler hat für sich eine eigene Gesangstechnik entwickelt, für die er mehrere Mikrofone benötigt. So jagt er seine Schmachtstimme durch die Effektgeräte einer Loop-Station, belegt sie mit Hall, verzögert und verzerrt sie nach Belieben. Auf diese Art tritt er in Dialog mit sich selbst: „Das gibt mir die Möglichkeit mit den Worten zu spielen und ein für mich sehr wichtiges Moment der Improvisation einzubauen.“ Seine Fertigkeiten als Performer hat der Londoner mit chinesischen und schottischen Wurzeln schon im Vorprogramm von Amy Winehouse und La Roux getestet. „Menschenmengen stimulieren mich“, bekennt er, obwohl er auf der Bühne oft ganz in sich selbst versunken scheint.
„Es stimmt schon“, bekennt er, „das einsame Basteln an Songs ist jener Aspekt der Musik, der mir am meisten gefällt. Aber ich singe schon seit frühester Kindheit. Ich werde ruhig dabei, egal vor wie viel Menschen ich es tue.“ Dass er von der BBC zu den hoffnungsvollsten Newcomern 2011 gewählt wurde, hat Jamie Woon viel Publicity verschafft. Er bleibt trotz des Rummels gelassen und auf seine Kunst fokussiert: „Letzten Endes zählt doch nur die Qualität der Songs. Ein Lied muss einerseits ganz nach dir klingen, andererseits das Persönliche transzendieren. Es muss Gefühle oder Gedanken kommunizieren, die nicht nur für dich selbst wichtig sind.“
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