Norah Jones, die erfolgreichste Pop-Sängerin der Nuller-Jahre, entfernt sich mit dem neuen Studioalbum The Fall ein gutes Stück weit von ihrem bekömmlichen Bar-Jazz-Sound. Im now!-Interview erzählt sie nicht nur detailliert übers Songschreiben und ihre musikalische Veränderung, sondern auch ein klein bisschen über ihren 30. Geburtstag.
„Hallo, wer ist als nächstes dran?“ Geetali Norah Jones Shakar, wie sie in ihrem Reisepass heißt, steht auf einmal mitten im Raum. Wie sie dorthin gekommen ist, hat keiner der anwesenden Journalisten und Plattenfirmenmenschen, die gespannt auf sie gewartet haben, auch nur bemerkt. Der große Auftritt ist die Sache der 30-jährigen Amerikanerin mit dem Charme einer klugen, introvertierten Studentin definitiv nicht. Und das ist absolut gewollt so, denn abseits ihrer Musik würde sie am liebsten gar keine Schlagzeilen machen. Bitte keine privaten Fragen, informierte das Management denn auch schon im Vorfeld. Schließlich hat sich Jones jüngst von ihrem Freund Lee Alexander getrennt, der auch der Bassist ihrer Stammband war, und danach gleich eine ganz neue Musikerriege um sich geschart. Musikalisch zeitigt dieser radikale Umbau allerdings Früchte: Wo einem auf den vorigen, millionenfach verkauften Alben Come Away With Me (2002), Feels Like Home (2004) und Not Too Late (2007) bei allem Könnertum manches zu lieb und nett erscheinen konnte, so klingen viele der neuen, in Richtung entspannter Country Rock und Folk tendierenden Songs intensiver, atmosphärisch dichter und auch ein Stück weit rauer. Hören wir uns, was uns die Künstlerin dazu zu sagen hat.
now! Man erkennt Sie noch, aber das neue Album The Fall klingt anders, als man es von Norah Jones bisher gewohnt war. Wie kam es zu dieser Entwicklung? Norah Jones: Ich habe nach meinem letzten Album Not Too Late eine kleine Pause eingelegt. Es schien mir der richtige Zeitpunkt gekommen, um mich in eine andere Richtung zu bewegen. Ich hatte einen bestimmten Sound im Kopf, den ich hören wollte. Also habe ich neue Musiker um mich geschart, um diesen neuen Sound auszuprobieren. Ich habe zuvor so lang mit derselben Gruppe New Yorker Musiker gespielt, dass ich einen Tapetenwechsel brauchte. Verstehen Sie mich nicht falsch, meine alte Band war toll. Aber ab und zu muss man etwas verändern, um nicht stehen zu bleiben.
now! Glauben Sie, Ihre Fans werden von den neuen Songs überrascht sein? Norah Jones: Vielleicht ein bisschen. Aber wenn du als Künstler nicht manchmal etwas Neues versuchst und dich veränderst, wird es irgendwann langweilig. Wahrscheinlich wird man dann auch den Leuten langweilig. Und ich glaube, die Leute werden jetzt nicht unbedingt ausflippen. Es ist schließlich keine Heavy-Metal-Platte, was ich da gemacht habe. Manche werden es mögen, andere nicht. Aber das ist sowieso bei allem so, was man tut. Also kann man ruhig ein bisschen herumtüfteln und riskieren.
now! Es ist keine Heavy-Metal-Platte, aber für Ihre Maßstäbe fast eine Rockplatte. Will Sheff von der geschätzten Indie-Rock-Band Okkervil River hat ebenso mitgearbeitet wie Ryan Adams. Sind das Musiker, deren Platten Sie sich zu Hause anhören? Norah Jones: Ja, ich liebe Okkervil River und bin sogar ein Riesenfan von Ryan Adams. Und ich verehre natürlich Neil Young. Ich höre Musik aus den verschiedensten Genres und bin sicher von dem beeinflusst, was ich mir anhöre. Was diese Platte betrifft, wollte ich härtere Grooves haben, mit verschiedenen Sounds und Grooves experimentieren. Der Sound sollte rauer sein und nicht zu glatt klingen. Alleine durch die Art, wie ich singe, ist die Gefahr, ins Glatte zu fallen, ohnehin immer gegeben. Ich muss das nicht noch durch die Arrangements verstärken. Dieses Nette, Flauschige kann manchmal schön sein, aber mir war nach etwas Anderem zumute. Etwas Raueres, eine Umgebung, in der meine Stimme strahlen kann.
now! Die Single „Chasing Pirates“ ist ein gutes Beispiel für den Klangcharakter dieses Albums, nicht? Norah Jones: Ja, und ein Beispiele dafür, wie das Arrangement eines Songs alles ändern kann. Ich machte ein Demo, der Song klang nett, nicht mehr. Beim Aufnehmen im Studio haben wir die Gitarre rausgenommen. Schlagzeug und Bass klingen dadurch sehr dominant, statt der Gitarre haben wir ein Wurlitzer-Piano gewählt. Der Song hat einen interessanten Groove. In dem Moment hörte ich erstmals eine neue Richtung und die Platte fing erst richtig an.
now! Wie wissen Sie, ob ein Song gut ist? Ob er funktioniert? Norah Jones: Das weiß ich erst, wenn ich ihn aufgenommen habe. Manches kommt einem beim Schreiben toll vor, klingt dann aber nur mittelmäßig, nachdem man es aufgenommen hat.
now! Schmeißen Sie solche Songs weg? Norah Jones: Nicht unbedingt. Entweder gebe ich den Song auf oder ich gehe zurück ins Schreibzimmer und versuche einen neuen Ansatz damit. Ich habe ein paar Demos gemacht, die allenfalls in Ordnung klangen. Mit der Band im Studio gespielt, wurden diese Songs ganz anders. Man kann einen mittelmäßigen Song zu etwas Tollem machen. Zumindest, wenn man Aretha Franklin dazu bekommt, ihn zu singen. (Lacht) Oder man hat einen guten Song und nimmt ihn schlecht auf, zerstört ihn durch die Produktion. Ich habe dadurch gelernt, beim Songschreiben erst mal alles spontan rauslassen und mich nicht selbst zu zensurieren. Daran herumstreichen kann ich später auch noch.
Top-Album ARCADE FIRE The Suburbs Inhaltlich ist dieses Album ein Triumph und zeigt, wozu Popmusik fähig sein kann. Musikalisch hat man Arcade Fire schon fokussierter erlebt. mehr
Top-Buch WILLY VLAUTIN Lean On Pete Eine herzerwärmende Geschichte über das Leben zwischen Trailer-Parks und Perspektivlosigkeit, die zum Glück ohne moralisierenden Zeigefinger auskommt. mehr