Österreichs Musikszene erlebt derzeit eine erstaunliche kreative Blüte. Wirtschaftlich kämpft sie ums Überleben. Die Initiative SOS-Musikland bemüht sich um Rettung. Dazu müsste nur endlich auch das Radio mitspielen.
Soap&Skin. Clara Luzia. Christina Stürmer. Son Of The Velvet Rat. Kreisky. Tosca. Mondscheiner. Laokoongruppe. Der Schwimmer. Waxolutionists. One, Two, Three Cheers And A Tiger. Freud. Excuse Me Moses. Eine bunt zusammengewürfelte Mischung von heimischen Künstlern, die in den letzten paar Monaten mit neuen Alben hervorgetreten sind. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs an österreichischen Produktionen von qualitativ hochwertiger Popmusik, die es verdient hätten, von vielen gehört zu werden. Teilweise passiert es ja auch. Christina Stürmers Musik findet nach wie vor reißenden Absatz und wird auch im Radio gern und oft gespielt, denn die Starmania-Entdeckung ist ein etablierter Name und ein Garant für gefällige Lieder. Die wundersame Schmerzenssängerin Soap&Skin startet mit ihrem Debütalbum gerade international durch, um ihre Karriere muss man sich wohl ebenso wenig Sorgen machen. Aber der Rest? Bekommt vielleicht ausgezeichnete Kritiken sowie ein wenig Airplay im staatlichen Jugend- und Alternativsender FM4 und tourt emsig durchs Land. Leider wird so aber nur ein sehr kleiner Anteil der Österreicher – nämlich die von Haus aus bereits überdurchschnittlich stark an Musik Interessierten – von ihnen hören.
Da herrscht ein seltsamer Gegensatz, der zuletzt immer extremer wurde. Auf der einen Seite erlebt die heimische Musikszene derzeit eine kreative Blüte, wie man sie bis vor kurzem kaum für möglich gehalten hätte. Die Künstler bestechen durch Eigenständigkeit und haben mit ihren Produktionen zu internationalen Standards aufgeschlossen. Andererseits bleiben für sie die Türen zu Österreichs meistgehörtem Radiosender fest verschlossen. Christina Stürmer bringt die Problematik im now!-Interview auf den Punkt: „In Österreich gibt es nur Ö3 und dann, wenn man ehrlich ist, nichts mehr. Das macht es sehr schwierig.“ Wer kommerziell Erfolg haben will, der muss darauf bedacht sein, dass seine Single im Hitradio läuft. Allerdings ist es seit Jahren ein offenes Geheimnis, dass österreichische Musik hier sehr schlechte Karten hat. Nachdem Ö3 Mitte der 1990er-Jahre zum Formatradio umgebaut wurde, findet neben Robbie Williams, James Blunt und Pink kaum ein österreichischer Act den Weg in die Heavy Rotation. Dass nicht mehr jeder Alt-Austropopper aufgrund seiner historischen Verdienste automatisch seine neue Platte gespielt bekommt, ist da nicht das große Problem. Viel schwerer wiegt, dass jetzt ihre Laufbahn startende Musiker, neue ambitionierte Talente kaum Chancen auf den Durchbruch haben. Falco-Weggefährte Thomas Rabitsch glaubt sogar: „Falco hätte heute keine Chance, im ,Hitradio’ gespielt zu werden: Zu ,abgehoben’, ,schwierig’, unberechenbar, zu wenig angepasst für’s brave Format. Ö3 postuliert: Wir spielen die Hits! Besser wäre die Ansage: Wir machen die Hits!“ Der Künstler André Heller drückt es positiver aus, meint freilich dasselbe: „Es gibt jenseits des so genannten Austropop so viel an exzellenter österreichischer Musik unterschiedlichster Nuancen, dass es jedem Sender und seinen Hörern ein Vergnügen sein müsste, sie zu spielen und zu hören.“ Tatsache ist: Das passiert viel zu selten. Immerhin gesteht Ö3-Chef Georg Spatt in einem Statement Versäumnisse ein: „Dass Ö3 und die Vertreter der Musikbranche einander in den letzten Jahren aus den Augen verloren haben, ist schade und schlecht für Ö3.“
Top-Interview SCISSOR SISTERS Schwitzen in der Nachtschicht Sänger Jake Shears spricht über die Hintergründe des neuen Langspielers und verrät Erhellendes über New York und Berlin, Stuart Price und Neil Tennant sowie Disco als allerletzte Utopie. mehr
Top-Album I AM KLOOT Sky At Night Im melancholischen Grau schimmern unzählige Farben. Wie der Himmel über Manchester: Ein diffuses Leuchten. Der Tag kann kommen für I Am Kloot. mehr
Top-Buch DAVID NICHOLLS Zwei an einem Tag Eine packende Liebes- und Lebensgeschichte, die hautnah am Leben dran ist, beseelt von glaubwürdigen, realen Charakteren. Absolut lesenswert. mehr