Fünf Jahre nach dem relativen Flop von St. Anger, 17 Jahre nach dem Erfolgswerk The Black Album und ganze 25 Jahre nach ihrem Debütlangspieler Kill ’Em All melden sich James Hetfield, Lars Ulrich, Kirk Hammett und Rob Trujillo mit dem von Rick Rubin produzierten Album Death Magnetic lautstark zurück. Und? Jawohl, sie lärmen nun endlich wieder so, wie sich die Fans das wünschen. now! hat Metallica anlässlich eines Konzerts in Prag bereits im Frühsommer getroffen und mit Gitarrist Kirk Hammett ein ausführliches Gespräch geführt.
Ruhe vor dem Sturm. Es ist Anfang Juni 2008, und es ist noch ziemlich still. Das kommende, neunte Metallica-Album hat zu dem Zeitpunkt noch keinen Titel. Die zehn Songs, die sich darauf befinden werden, sind zwar nach langen Sessions endlich fix und fertig aufgenommen, aber noch nicht abgemischt. Der Feinschliff fehlt. Kirk Hammett sitzt in einem karg eingerichteten Backstage-Raum, trinkt Tee und macht Lockerungsübungen für die Finger. Persönlich wirkt er beim Händeschütteln noch sehr entspannt, aber weit wichtiger als sein individuelles Wohlbefinden ist zur Zeit, das weiß er natürlich, die Arbeit, und zwar konkret das neue, mit Spannung erwartete Werk seiner Band. Dazu befragt, macht sich bei Hammett leise Anspannung breit. „Unser Toningenieur hat gestern mit dem Abmischen begonnen“, erzählt er. „Die Situation ist nicht einfach für uns. Genau jetzt wird in San Francisco unser Album abgemischt, während wir in Europa auf Tour sind.“ Hammett und Kollegen sind aber nicht nur gespannt darauf, welche Nuancen im Klangbild der Mix noch bringen wird. Wenn man an diesem frühen Abend vor dem Metallica-Konzert in Prag, bei dem sie übrigens ausschließlich alte Songs spielen („Wir könnten uns ja bei den neuen Songs verspielen, oder jemand stellt sie auf YouTube“), ein bisschen hinter der Bühne herumstreift, begegnet man auch einem nachdenklich wirkenden James Hetfield sowie einem wie gewohnt leicht entflammbaren Lars Ulrich, der zur Sicherheit bei den anwesenden Journalisten noch einmal nachfragt, ob die neuen Songs auch wirklich noch nicht irgendwo im Internet zu finden sind. Nur Bassist und Band-Grünschnabel Rob Trujillo hat richtig gute Laune. Wahrscheinlich ist ihm der Druck, der auf Metallica lastet, noch nicht so deutlich bewusst. Nachdem ihre letzten drei Studioalben Load (1996), ReLoad (1997) und St. Anger (2003) nur bedingt Anklang fanden und viele Fans regelrecht erzürnten, ist es nun einfach hoch an der Zeit, den Leuten das zu geben, was sie hören wollen.
Band sucht sich selbst. „Wie ich es mitbekomme, ist die Erwartungshaltung sehr hoch“, beobachtet Kirk Hammett ganz richtig. „Ich bin mir aber nicht sicher, woran das genau liegt. Liegt es einfach nur daran, dass wir Metallica sind und die Leute ein neues Album von uns wollen?“ Könnte gut sein. „Oder liegt es daran, dass wir Metallica sind, und die Leute mit dem letzten Album nicht zufrieden waren und deshalb noch dringender ein neues Album wollen?“ Noch ein Punkt für Mr. Hammett. Und drittens liegt das letzte Album immerhin auch schon fünf Jahre zurück. „Was für unsere Gepflogenheiten gar nicht außergewöhnlich lang ist“, kontert der Mann, der schon 1983 Dave Mustaine als Leadgitarrist ersetzte. „Es dauert einfach seine Zeit, bis ein Metallica-Album fertig ist, das geht nicht im Handumdrehen.“ So ein Felsen braucht etwas länger, bis er in Bewegung kommt: „Wenn wir ein Album aufnehmen, muss man damit rechnen, dass wir zwei Jahre damit beschäftigt sind. Und dann sind wir zwei Jahre auf Tour. Danach brauchen wir ein Jahr Pause, um unser Leben zu leben und uns um unsere Familien zu kümmern. Dann werden wir wahrscheinlich mit einer neuen Platte anfangen. Inzwischen sind fünf Jahre vergangen.“ In den letzten zwei dieser fünf Jahre haben Metallica hart daran gearbeitet, eine Platte aufzunehmen, die die Schmach von St. Anger vergessen lässt. Im Nachhinein mochte dieses Album niemand, auch nicht die Band selbst und schon gar nicht Kirk Hammett, der keine Soli mehr zu spielen bekam. Was ist da passiert? „Wir sind wahrscheinlich zu tief in unseren eigenen Arschlöchern gesteckt und haben nicht mehr mitbekommen, was die Leute von uns hören wollen“, schmunzelt er. „Generell lässt sich sagen, wir haben auf den letzten drei, vier Alben mit anderen Arten von Musik experimentiert und versucht, unser kreatives Potenzial zu erforschen. Was ja an sich ein gute Sache ist. Doch zwischenzeitlich haben wir uns zu weit von dem entfernt, wofür wir wirklich stehen. Mit dem neuen Album sind wir wieder die Band, als die uns die Leute kennen.“ Und da hat der Gitarrist schon wieder Recht.
Zurück in die Zukunft.Death Magnetic, wie das Opus nun schließlich heißt, knüpft an alte Tugenden an. Sagen wir: ... And Justice For All von 1988 trifft auf Metallica alias The Black Album von 1991, nur mit einem zeitgemäßen Sound. Eigentlich ist es ja ganz einfach. Man muss sich beim Anhören einer Metallica-Scheibe nur fragen, ob Beavis & Butthead diese wohl goutiert hätten. Schon nach wenigen Takten des Eröffnungsstücks „That Was Just Your Life“ hätten die beiden ihr definitives Urteil über Death Magnetic formuliert gehabt: „Metallica kick ass!“ Eine Band hat sich wieder gefunden. In seinen etwa sieben Minuten fährt sie gleich ihm ersten Song genau die Riffs, prügelnden Drums, Tempowechsel und Dramaturgie auf, die man sich von Metallica erwartet. Nach fünf Minuten darf Kirk Hammett zum Solo ansetzen. Man spürt, wie lang er darauf gewartet hat. Den nächsten Satz im Interview sagt der zufriedene Gitarrero also nicht allein aus marketingtechnischen Gründen: „Ich glaube ehrlich, dass dieses Album das beste ist, das wir in den letzten 15 Jahren gemacht haben. Es greift nämlich darauf zurück, wo wir musikalisch in den 1980er-Jahren standen. Wir haben diesmal eine gewisse Selbstbezogenheit zugelassen.“ Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung war Produzentenguru Rick Rubin. Nach zahlreichen Alben, die Metallica gemeinsam mit Bob Rock erarbeitet haben, hat er nun bei Death Magnetic das Ruder übernommen. „Rick hat uns vermittelt: Wenn wir etwas erfunden haben, können wir uns dessen jederzeit wieder bedienen. Und wir haben, was diese Art Musik betrifft, eine ganze Menge an Elementen erfunden. Es ist in Ordnung, diese Elemente wieder zu verwenden und unsere Eigentümerschaft zu erneuern. Als Resultat haben wir ein Album, dass wirklich verdammt heavy ist. Ich garantiere: Dieses Album wird niemanden enttäuschen. Tatsächlich wird es einer ganz neuen Generation von Metallica-Fans einen Eindruck davon geben, wozu wir schon immer fähig waren.“ Zum Beispiel zu Hochgeschwindigkeitspassagen wie im furiosen „Broken, Beat & Scarred“, zu düsteren Visionen wie im nicht minder hart geknüppelten „All Nightmare Long“ (andererseits auch ein Titel zum Schmunzeln...) oder auch zu Balladentönen mit heulenden Gitarren wie in „The Day That Never Comes“ oder, Achtung, „The Unforgiven III“, die nicht von ungefähr an The Black Album erinnern, das erfolgreichste Werk der Band, als ihr mit „Enter Sandman“, „Nothing Else Matters“ und „The Unforgiven“ Hits gelangen, die via MTV weit über die Metal-Welt hinausstrahlten.
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