Ein Treffen mit Motörhead-Legende Lemmy Kilmister garantiert Bizarres.
Wir sitzen in einem Berliner Hotelzimmer, vor einem gläsernen Couchtisch. Eine angebrochene Whiskeyflasche steht darauf, Cola zum Verdünnen, daneben hingeworfen eine Stange Marlboro. In die Tischmitte hat jemand eine schuhschachtelgroße Soundmachine gestellt, aus der Motörheads neues Album Kiss Of Death zischt. Lemmy starrt in die Boxen, trinkt, lässt das Feuerzeug klicken, spielt seine Lieblingsteile mit knöchernen Armen auf einem Luftbass. „Like it?“ Zwanzig Minuten blicken wir stumm auf dem Tisch herum, dann ist Lemmy bereit zum Gespräch. Müde wirkt er im schwarzen Ensemble aus Cowboyhemd, hautenger Hose und Stiefeln. In dreißig Jahren Musikgeschäft hat er viel gesagt über seinen Rock’n’Roll, über den man seiner Meinung nach nichts sagen braucht. Trotzdem.
Kiss Of Death ist das 23. Motörhead-Album. Schreiben Sie Ihre Texte noch immer in zehn Minuten? Ich schreibe die Texte im Studio, während wir an den Songs arbeiten. Manchmal schaffe ich es in so kurzer Zeit. Ich habe einen großen Wortschatz.
Sehen Sie Motörhead noch immer weniger auf der Metal- als auf der Punkseite? Ja. Meistens aber spielen wir Motörhead-Musik. Nach 31 Jahren sollten wir unsere eigene Kategorie haben.
In mehr als 30 Jahren Musikgeschäft tauchen immer wieder Dinge auf, die man hasst oder liebt. Was ist jeweils der Grund? Fangen wir mit Flughäfen an. Langweilig, hasse ich. Dort dauert alles so lange wegen der Kontrollen. Sehe ich aus wie ein arabischer Terrorist?
Religion? Auch langweilig. Die Bibel ist kein gutes Buch, sie hat nicht einmal ein Happy End.
Nie versucht gewesen, an Gott und ein Leben nach dem Tod zu glauben? Doch, aber das ist Wunschdenken. Wir wollen einfach nicht aufhören. Die Kirche sagt, Gott ist mysteriös. Zu mysteriös für mich.
Anarchie? Wäre großartig, wenn man Menschen vertrauen könnte.
Punk? Ein Begriff, der missbraucht und viel zu weit gefasst wird. Von Elvis Costello bis zu den Sex Pistols – ich glaube nicht, dass er das abdeckt.
Ärzte? Ich versuche, so wenig wie möglich dorthin zu gehen. Ich habe Angst, was sie finden könnten.
„Anarchie wäre etwas Großartiges, wenn man Menschen vertrauen könnte.“
Sind Sie selbstzerstörerisch? Nein, überhaupt nicht. So etwas kann ich nicht nachvollziehen.
Kalifornien? Ich lebe dort seit 17 Jahren, also muss ich es wohl mögen. Ich mag Kalifornien, weil mir die Einkäufe zur Tür gebracht werden. Ich mag nicht, dass ich in meiner Bar nicht mehr rauchen darf.
Touren? Das muss jede richtige Band tun, da muss sie sich beweisen. Leider gibt es so viele unnötige Sicherheitskontrollen. Ich hasse alles, was übertrieben ist und von Idioten gemacht wird. Es gibt keinen Sinn mehr für das Abenteuer, alles wird bis ins Detail geplant. Das ist der Tod für mich. Rock’n’Roll muss Rock’n’Roll bleiben, keine militärische Operation.
Wann sind Sie vom Rock’n’Roll infiziert worden? Als ich das erste Mal Elvis Presley gehört habe. Er war der erste wirklich Gute. Bill Haley war vorher, aber der war fett. Elvis hatte das perfekte Aussehen, Little Richard den perfekten Sound.
Warum spielen Sie ausschließlich einen Rickenbacker-Bass? Weil er gut aussieht. Der Klang ist egal, ich wechsle die Tonabnehmer aus.
Wie soll Ihr Bass klingen? Wie ein Jet, der mit Maschinengewehrfeuer auf das Publikum stürzt.
Ist Rock’n’Roll Arbeitermusik? Rock’n’Roll ist immer klassenlos gewesen. Er versammelt alle Klassen, das ist seine Stärke. Deshalb ist er nicht umzubringen.
Haben Sie sich jemals nach einem normalen Job gesehnt? Nein. Ich habe ein Jahr in einer Fabrik Waschmaschinen zusammengeschraubt. 40 Jahre später ist das für mich noch immer die schrecklichste Zeit meines Lebens.
Wann haben Sie zuletzt kurzes Haar gehabt? 1963.
Warum tragen Sie keine weißen Stiefel mehr? Nach dreißig Jahren war es Zeit zu wechseln.
Spielen Sie noch Schach? Kaum, ich finde keine Partner.
Sind Sie ein guter Vater? Ich bin ein schrecklicher Vater. Ich wollte nie einer sein, das waren Unfälle. Mein jüngerer Sohn Paul und ich sind uns trotzdem nahe. Ich bin froh, dass ich ihn gefunden habe. Seine Mutter hatte sich von mir getrennt, bevor er geboren wurde. Ich habe ihn kennen gelernt, als er sechs war. Meinen ersten Sohn habe ich nie gefunden, er ist gleich nach der Geburt adoptiert worden. Über ihn weiß ich nichts.
Zwei Fragen noch. Warum ist Ihr Duett mit Samantha Fox nie zu Stande gekommen? Wir haben in den Achtzigerjahren darüber gesprochen und Fotos gemacht. Dann ging ihre Karriere steil nach oben, sie hatte keine Zeit mehr und hat es nicht mehr gebraucht. Das Duett war für uns beide aus Karrieregründen geplant. Die meisten Kollaborationen, die ich gemacht habe, sind aber aus Spaß passiert.
Und wie beurteilen Sie Ihren Gastauftritt in einem John-Wayne-Bobbit-Porno? Ich gehe in dieselbe Bar wie Ron Jeremy, der US-Pornostar. Er hat mich gefragt, ob ich in einem Porno mitspielen will. Ich habe mich schon mit zahlreichen Frauen gesehen. Tatsächlich haben wir einen Tag lang gedreht, keine einzige Frau war da. Typisch für mein Leben. Meine Kleidung hätte ich aber ohnehin angelassen.
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