Kritiken --- Nick Hornby - Juliet, Naked (13. 10. 2009)
Nick Hornby
Juliet, Naked
Von: Klaus Winninger
Zurück zur Musik.
In Nick Hornbys bestem Roman High Fidelity, mit dem er 1995 verdient zum Kultautor avancierte, ist die Hauptperson ein leidenschaftlicher Plattensammler und Plattenladenbesitzer. 14 Jahre später zieht es Hornby zurück zur Musik. Und das ist gut so. Schließlich vermag der 52-jährige Engländer wie kein zweiter heutiger Romancier über Musik zu schreiben und dies mit aus dem Leben gegriffenen Geschichten zu verweben, in denen es berührend menschelt. In Juliet, Naked hat der Autor den Schauplatz vom Plattengeschäft ins Internet, in die virtuelle Welt der Fan-Foren und Blogs verlegt. Die beiden Hauptfiguren sind zwei Enddreißiger, die seit 15 Jahren in einem langweiligen Badeort an der englischen Küste zusammenleben. Ihre kinderlos gebliebene Beziehung ist längst gestrandet, ohne dass sie es sich eingestehen wollen. Duncan, ist Universitätslehrer und Musikfan, vor allem von Tucker Crowe, einem seit Mitte der 1980er verschollenen amerikanischen Singer/Songwriter, für dessen Fan-Gemeinde er ein eigenes Internet-Blog betreibt. Seine Lebenspartnerin Annie leitet das örtliche Museum. Glücklich ist sie mit ihrem Job genauso wenig wie mit ihrer Beziehung zu Duncan. Als dieser von einer Plattenfirma Juliet, Naked, das neue Album von Tucker Crowe mit alten Demoaufnahmen zu seinem „Klassiker“ Juliet, zugeschickt bekommt, kommt via Emails Bewegung in den erstarrten Alltag der beiden. Ein klassischer Hornby, das.
Leseprobe:
Sie waren von England nach Minneapolis geflogen, um sich ein Klo anzuschauen. Diese schlichte Wahrheit dämmerte Annie erst, als sie tatsächlich davorstanden: Abgesehen von den Graffitis an den Wänden, von denen sich einige auf die Bedeutung dieses Klos für die Musikgeschichte bezogen, war es feucht, dunkel, verpestet und absolut durchschnittlich. Amerikaner waren wirklich Meister darin, das Beste aus ihrem schmalen historischen Erbe herauszuholen, aber hier stießen selbst sie an ihre Grenzen. »Hast du die Kamera, Annie?«, fragte Duncan. »Ja. Aber was soll ich denn hier fotografieren?« »Tja, du weißt schon …« »Weiß ich nicht.« »Na ja, das Klo.« »Wie, die … wie nennt man die Dinger?« »Urinale. Ja.« »Willst du mit drauf?« »Soll ich so tun, als würde ich pinkeln?« »Wenn du meinst.« Also pflanzte sich Duncan vor dem mittleren der drei Urinale auf, hielt die Hände überzeugend vor seinen Schritt und grinste Annie über die Schulter hinweg an. »Hast du’s?« »Ich bin nicht sicher, ob der Blitz funktioniert hat.« »Mach noch eins. Wäre ja blöd, wenn kein vernünftiges Foto rauskommt, nachdem wir so weit gefahren sind.« Diesmal stellte sich Duncan bei geöffneter Tür in eine der Kabinen. Aus irgendeinem Grund war das Licht dort besser. Annie machte aus dem Motiv Mann und Klo das Bestmögliche. Als Duncan rauskam, konnte sie sehen, dass die Kloschüssel genauso verstopft war, wie alle anderen, die sie bislang in Rockclubs gesehen hatte. »Na los«, sagte Annie. »Der wollte mich ja erst gar nicht hier reinlassen.« Das stimmte. Der Mann hinter der Theke hatte zuerst angenommen, sie wollten sich bloß irgendwo einen Schuss setzen oder Sex haben. Empörenderweise war er dann irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass ihnen beides nicht zuzutrauen war. Duncan sah sich ein letztes Mal um und schüttelte den Kopf. »Wenn Klos reden könnten, was?« Annie war froh, dass zumindest dieses es nicht konnte. Duncan hätte sonst die ganze Nacht mit ihm quatschen wollen.
Die meisten Menschen kennen Tucker Crowes Songs nicht und wissen erst recht nichts über die dunklen Momente seiner Karriere. Deshalb ist die Geschichte, was ihm auf dem Klo des Pits Club passiert oder nicht passiert sein könnte, es sicher wert, hier noch einmal rekapituliert zu werden. Crowe war anlässlich eines Auftritts in Minneapolis im Pits Club aufgetaucht, um sich dort eine Band mit dem Namen Napoleon Solos anzusehen, die ihm empfohlen worden war. (Einige Crowe-Komplettisten wie Duncan besitzen sogar die einzige LP dieser Band, The Napoleon Solos Sing Their Songs and Play Their Guitars.) In der Mitte des Sets ging Tucker zur Toilette. Niemand weiß, was ihm dort widerfahren ist, doch als er wieder herauskam, fuhr er schnurstracks zurück ins Hotel und rief seinen Manager an, der den Rest der Tour absagen musste. Am nächsten Morgen begann das, was man heute wohl als seinen Ruhestand betrachten muss. Das war im Juni 1986. Seitdem hatte man nichts mehr von ihm gehört – keine neuen Aufnahmen, keine Auftritte, keine Interviews. Wenn man Tucker Crowe so verehrte wie Duncan und ein paar Tausend andere Leute auf der Welt, dann war dieses Klo nicht so unschuldig wie es aussah. Und da es, wie Duncan richtig bemerkt hatte, nicht reden konnte, mussten die Crowe-Fans das an seiner Stelle tun. Einige vertraten die Ansicht, Tucker sei darin Gott oder einem seiner Sendboten begegnet; andere behaupteten, er hätte nach einer Überdosis eine Nahtoderfahrung gehabt. Eine weitere Sektierergruppe war der Ansicht, er hätte seine Freundin beim Sex mit seinem Bassisten erwischt, eine Theorie, die Annie weit hergeholt fand. Konnte der Anblick einer Frau, die in einer Toilette mit einem Musiker fickt, ein zweiundzwanzig Jahre langes Schweigen bedingen? Vielleicht kam es Annie auch nur so vor, weil ihr derart heftige Leidenschaften fremd waren. Egal. Wie auch immer. Eigentlich musste man nur wissen, dass im kleinsten Raum eines kleinen Clubs etwas so Bedeutsames passiert war, dass es ein ganzes Leben verändert hatte.
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