Der Wiener Sänger/Songschreiber hat sich gefunden.
Ernst Molden, Döblinger Melancholiker mit beeindruckender Raspelstimme, hat sich im Sog seines superben Coverversionenalbums Foan, wo er Klassiker von Will Oldham bis Nick Cave einwienerte, nun endlich an sein erstes Album mit eigenen Songs im Dialekt gewagt. Seine Angst, damit in den Sog von muffigem Austropop zu kommen, hat ihm der unvergleichliche Willi Resetarits genommen, der auf den zwölf Preziosen des neuen Werks seine weiche, beseelte Stimme erhebt und immer mal wieder den Fotzhobel ansetzt. Molden, früher ein urbaner Flaneur mit unbestimmter Sehnsucht nach eigenem Werk, hat längst zu sich gefunden. Lange vorbei sind die Zeiten, wo er sich noch inszenieren musste. Erinnert sich der 42-Jährige heute an seine Dandyzeit, kann er nur mehr leise lächeln. Was war das nicht für ein Spaß, die Anzüge und Spazierstöcke auszusuchen? Die zornigen Aufwallungen seiner sich schnell formierenden Feinde intensivierten Moldens Bemühungen nach eigenem künstlerischem Ausdruck. Zunächst schrieb er vier Romane (darunter Die Krokodilsdame, 1997), dann verfertigte er Alben unter eigenem Namen, die jedes Jahr lockerer und authentischer wurden. Längst hat er seine eigene Form eines Songs kreiert. Es ist eine Liedform, die in den Feuern unterschiedlichster Traditionen geschmiedet wurde. Musikalisch ist sie immens amerikanisch angehaucht, lyrisch lässt sie von der Präzision österreichischer Wortkunst á la H.C. Artmann und der melancholischen Poesie von Trakl und Rilke leiten. Die Arrangements geben sich auf Ohne Di bewusst karg. Neben Moldens Gitarre und Researits’ Mundharmonika prägen Walter Soykas Knöpferlharmonika und Hannes Wirths pointiert gespielte Telecaster-Gitarre den luftigen Sound. Den Song „Hansldeich“ veredelt zudem Karl Stirner an der Zither. Moldens und Resetarits Stimme wechseln einander aufs idealste ab oder vermengen sich unisono in Ekstase. Nur selten singt einer wirklich die Leadstimme, wie etwa bei „De Beag“, wo Molden soliert und sich redlich bemüht, Aspekte unverdunkelter Lebenslust in den Fokus zu nehmen. Im sanften Ohrwurm „Stagl ma d Schui“ träumen Ernst und Willi in wunderschönem Wechselgesang von einem Feuer aus Rechnungen und Geld und davon, dass sie den von Wecker und Sperrstunde ausgehenden Unerfreulichkeiten auf elegante Art ausweichen. Das härter groovende „Bahnhof“ erzählt vom Leben ebenda. Zartbittere Kopfbahnhofszenarien, mit Figuren, die voller Sehnsucht nach einer weiten Welt sind, die immer da ist, wo man gerade nicht ist. Noch schöner sind die ganz elegischen Momente, etwa „Woid aus Rauchfeng“, eine angedeutete Reise in die eigene Kindheit, voller Sehnsucht nach einer Entschleunigung des Lebens. Gelassenheit regiert auch andere Lieder, schon an Faulheit grenzend im schönen „Sog wos d wüsd“, hintersinnig in „Schbed im Summa“. In schönen sprachlichen Bildern huldigt Molden seiner „Heanoisa Oma“, bloß der Ausdruck „Kohle“ stört darin ein wenig. Der Hernalser neigt eher dazu „Quastl“ oder „die Moß“ zu sagen, wenn er Geld meint. Aber vielleicht ist ja „Kohle“ eine Reverenz an Moldens deutsche Fans. In Deutschland wurde er ja auch, als er hochsprachlich sang, als eine Art „Weltmusik“-Künstler gesehen. Das sind die, die man mag, obwohl man kein Wort versteht. In diesem Sinne macht Molden formidable, mitteleuropäische Soul-Musik, deren Essenz sich auch über die kleinen Vibrationen in der Stimme mitteilt. Wäre es nicht so schrecklich unkorrekt, würde man Moldens Kunst gerne als „Topfenneger-Soul“ titulieren. So aber sagen wir „Blue Eyed Soul“ dazu.
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