Kritiken --- Michael Hvorecky - Eskorta (11. 3. 2009)
Michael Hvorecky
Eskorta
Von: Sebastian Fasthuber
Witzig-böse Groteske aus dem neuen Europa.
„Meine Familie stammt aus der Tschechoslowakei. Dafür kann ich nichts.“ Michal Hvorecky, slowakischer Jungautor und nach dem Erfolg seines Romans City auch Exportschlager auf dem deutschsprachigen Buchmarkt, hat für seinen neues Buch zum Teil auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen. Sein Protagonist heißt Michal und spricht, wie auch Hvorecky, aufgrund seiner deutschstämmigen Vorfahren ausgezeichnet Deutsch. Wobei sich die autobiografischen Gemeinsamkeiten hier langsam wieder erschöpfen. Denn weder wurde die Familie des Autors wie die seines Protagonisten in kommunistischen Zeiten politisch verfolgt – Hvorecky konnte es allerdings im Bekanntenkreis mitverfolgen – noch hat er irgendwann seinen Körper an reiche Damen der Gesellschaft verkauft, wie Michal es tut. Bewusst arbeitet Eskorta mit den Mitteln der Übertreibung und Groteske, um über das neue Europa, in dem Westen und Osten immer näher zusammenrücken und das Geld auf seltsamen Wegen unterwegs ist, zu erzählen. Hvorecky breitet Michals Leben in vier, sprachlich und stilistisch recht unterschiedlichen Abschnitten aus: seine Kindheit und Jugend zwischen Ostblock und Westberlin, seine Karriere als Escortservice-Gigolo, die Liebesgeschichte mit einem jungen Mädchen und schließlich seine totale Veränderung, über die hier aber nichts verraten werden soll. Sehr schön wird deutlich, wie drastisch sich die Leben in Ländern hinter dem Eisernen Vorhang in den letzten zwanzig Jahren verändert haben, oft mehrfach. „Meine Mitschüler und ich sammelten Spielzeug für die Kinder in Nicaragua, Stifte und Hefte für Kuba, Mehl für Äthiopien und Bilderbücher für Angola“, erinnert sich Michal. „Ich sprach die Erwachsenen mit ,Genosse’ an, sang Arbeiterkampflieder und quälte mich mit der russischen Grammatik herum. [...] Ich legte sogar einen Eid ab und gelobte einer Jugendorganisation lebenslang die Treue, die es schon ein paar Jahre später nicht mehr gab.“ Und, noch einmal rückblickend: „Die Zeit verging viel langsamer. Die Europäischen Staaten unterschieden sich noch voneinander. Die alten Regeln galten noch. Der Westen war im Westen. Der Osten war im Osten.“ Die Reaktion des Helden auf die neue europäische Ungewissheit und das beschleunigte Tempo ist, dass er sich zunächst treiben lässt. Er verfügt zwar über eine hohe Meinung von sich selbst, wirklich begründet scheint sie freilich nicht. Nach einem Intermezzo in Westberlin, wohin die Eltern ausreisen durften, findet er sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bald wieder in Bratislava wieder und entscheidet sich, während ehemalige Schulkollegen Karriere machen, für ein Schauspielstudium. Er wird nie in einem Theater oder im Fernsehen auftreten. Michals Laufbahn wird sich nach dem Diplom auf das Beglücken betuchter Slowakinnen und Touristinnen in Luxushotels beschränken. Einige Jahre lang arbeitet er erfolgreich als Mitarbeiter einer exklusiven Agentur. Das Geld-Zurücklegen verschiebt er leider immer wieder und so steht er mit 30 pleite und mit einem mittelschweren Alkoholproblem da. Als Rettung erscheint ihm, sich zum ersten Mal hoffnungslos zu verlieben – aber muss es ausgerechnet die minderjährige, durchgeknallte Tochter einer ehemaligen Kundin sein? Eskorta ist eine grelle Satire auf das neue Europa, unendliche Möglichkeiten und unbeschränkte Geldströme. Nebenbei läuft immer die Frage mit, was es heute heißt und dazu braucht, ein Mann zu sein. Hvorecky erzählt schnell und modebewusst, den Tiefgang versteckt er schelmisch ein, zwei Schichten unter der bunten Oberfläche.
Leseprobe:
Ich war schon immer davon überzeugt, dass ich als Frau besser ausgesehen hätte: ein ovales Gesicht mit blasser, glatter Haut und einer kleinen Nase, kerzengerade lange und schlanke Beine, ausladende Hüften, eine schmale Taille, hellblaue Augen, blondes Haar und weiße Zähne. Die festen Arme und breiten Hände waren zwar für große Gesten gemacht, doch blieben sie bei mir allzu sanft für einen Mann. Meine sterbliche Hülle wirkte trotz ihrer beachtlichen Größe von 1 , 91 Metern fragil. Die Schultern hätten wesentlich breiter sein müssen, der Brustkorb gewölbter, das Kinn schärfer geschnitten, die Wangenknochen markanter, der Blick energischer. Auch lange Haare hätten mir gut gestanden. Ich hatte fast keine Augen brauen und kein einziges Härchen in den Achselhöhlen. Meine Brust blieb verblüffend glatt.
Schon seit frühester Kindheit musste ich mir immer wieder Sätze anhören wie »Das könnte aber auch eine hübsche Tochter sein ! « oder »Du hättest wohl ein Mädchen werden sollen?«. Noch mit neun Jahren passierte es, dass mich auf Spaziergängen mit meinen Eltern Leute ansprachen: »Na, meine Kleine, wie heißt du denn ?« Wenn mein Vater sagte, dass ich Michal heiße, entschuldigten sie sich: »Verzeihung. Du bist also ein Junge? Wirklich? So ein goldiges und niedliches Kerlchen!«
Zwischen zwölf und dreizehn nahm mein Gesicht noch weiblichere Züge an. Die Veränderung meines Aussehens hatte zur Folge, dass mich Leute, die mich zuletzt mit elf gesehen hatten, entgeistert musterten. Es stach in die Augen. Auch meine Eltern hätten das bemerken müssen. Es machte den Eindruck, als könne sich meine männliche Identität nicht in vollem Umfang entfalten. So manches Detail, das andere an mir hervorhoben, betrachtete ich als Mangel. Sogar meine eigene Stimme war für mich wie die eines Fremden, denn sie klang, auch als ich erwachsen war, noch weich und zart und wenig prägnant.
Mein eigener Körper störte mich, ja, fast quälte er mich. Als wären beide Geschlechter in mir verborgen. Ich hätte zum neutralen Geschlecht gehört, wenn es so etwas gegeben hätte.
Trotz alledem wollte ich damals diese Frau noch nicht töten. Die Frau in mir. (Leseprobe Copyright by Klett-Cotta)
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