In seinem ersten Roman trumpft der deutsche Autor Bov Bjerg mit einer wunderbaren, tragikomischen Heldin auf. Paula ist ein übergewichtiger Kontrollfreak mit leichten emotionalen Defiziten. Und stets auf der Suche nach dem perfekten Ausdruck. Als Übersetzerin („Gebrauchsanweisungen – keine Romane“) muss sie das auch. Bjerg gelingt es, den Leser in Paulas rastlosen Kopf hineinzuversetzen, dabei zieht er sprachlich alle Register: „The results you want! Die Resultate, die Sie wollen? Viel zu teigig. The results you want! Jeden Tag die Resultate, die Sie wollen? Zu beflissen. Zu muttchenhaft. Topfig. Topfit. Täglich Top-Ereignisse! Das war es. Täglich Top-Ereignisse! Eine Headline vom Feinsten. Headline vor der Deadline, Kunde hat Grund zum Nettsein.“ Während die Protagonistin intensiv über den Feinheiten eines Auftrages grübelt, hätte sie eigentlich allen Grund, sich über andere Sachen Gedanken zu machen. Die in den USA lebende Europäerin sollte längst zum Flughafen unterwegs sein, zu Hause wartet eine Familienangelegenheit auf sie. Deadline ist ein erfreulich eigenständiger und sprachmächtiger Text. Im Verlauf der Handlung, in der die Ereignisse und Paulas Fantasie bald nicht mehr auseinanderzuhalten sind, wird tief in die dunklen Ecken einer geplagten Seele geleuchtet.
Leseprobe:
Boden: Ziegel (Läuferverband). Hinter mir der Rollkoffer. Er kollerte und wackelte, die Rädchen quietschten. Der Koffergriff vibrierte in den gekrümmten Fingern. Eine Einfahrt, davor eine Bordsteinabsenkung. Das eine Rädchen verstummte, das andere quietschte tiefer, eine Quarte (Terz?) tiefer, dann kippte der Koffer weg, der Koffergriff verdrehte sich und wand sich aus der nassen Hand. Es war eine Schnapsidee gewesen, einen Koffer mit Griff an der Schmalseite zu kaufen, weil das angeblich schlanker wirkte. Es war eine Scheißidee gewesen, zu glauben, man könne so einen Koffer zu beherrschen lernen, es komme nur auf die Übung an und nach zehn oder nach fünfzig Reisen habe man den Griff so eines Koffers schon im Griff. Hatte man nicht. Kurze Rast, nur kurz, ganz kurze Rast. Vorn das leere Pflaster, versetzte Klinkerbänder, quer über den Bürgersteig. Die Steine dunkel feucht. In den Ritzen Schaum. Der Gehweg war gerade erst mit Seifenlauge abgespritzt worden. Rechts Fassaden. Ich wischte einen Ziegelabriebstrich von der Hartschale (dunkelsilber) des Hartschalenkoffers. Ein weiterer weißer Kratzer. Der fiel kaum auf. Die Hartschale, die nicht sehr hart war, war mit weißen (Talkum) Strichen gemustert. Ein Schweißtropfen glitt den Nasenrücken hinunter, rutschte auf den rechten Flügel, blieb am Nasenloch hängen, schien innen wieder hochzukriechen, kitzelte, fiel ab. Weiter.
Rechts Glas (ich, Koffer), Glas (ich, Koffer), Edelstahl, Backstein, Backstein, Glas (ich, Koffer), Backstein, Granit, Messing, Sandstein, Glas (ich, Koffer), Granit. Sandstein gekrönelt, Granit geriffelt, Marmor gestockt. Weit vorn wehte ein Schatten übers Trottoir, eine Ratte oder ein Papierknäuel. Es war eine völlige Schnapsidee | Scheißidee gewesen, zu Fuß zum Flughafen gehen zu wollen, durch die halbe Stadt bis zum Kai. Die Oberschenkelinnenseiten rieben | scheuerten bei jedem einzelnen Schritt aneinander und ich schwitzte wie ein Schwein, du fette Sau, du fette Sau. Ich sezierte dieses absurde Vorhaben beim Gehen, die Gedanken unterlegt von Hosenstoffkratzen und Rollkoffergrollen, Beweggründe, frühkindliche Motivation usw., der Fall lag ja ganz klar. Boden: Ziegel, ein Schachtdeckel, Gusseisen kreuzschraffiert. In der Schraffur erhaben ein Pfeil, der zeigte die Richtung. Zum Glück war es Sonntagnachmittag, zum Glück war hier kein Mensch unterwegs. Zum Pech war kein Taxi zu sehen. Sandstein, Sandstein, Backstein, Glas (ich, Koffer), Marmor. Grüner Marmor. Indien? Rosa Marmor. Norwegen? Vermont wahrscheinlich, alle beide, grün und rosa. Edelstahl, Granit, Glas (ich, Koffer), Glas (ich, Koffer), Backstein. Vorn Backstein, rechts Backstein. Dieses Zusammen von senkrecht und waagrecht, Fassade und Gehweg. Dieser rechte Winkel, dieser jähe Wechsel vom Stehen zum Liegen, ohne jeden Übergang. Den konnte man da im Raum ja dauerhaft sehen, den Wechsel, festhalten, festklopfen, festmauern | -betonieren | -schrauben. Der Koffer kippte. In der Zeit konnte man ihn nicht fixieren, diesen Moment zwischen Stehen und Liegen, nicht einmal die Sekunden davor, die letzten Sekunden. Ich hob den Koffer auf die Rädchen. Diese Scheißzeit, die ging einfach weiter und weiter. Ich blieb wieder stehen, wischte Salzwasser von der Oberlippe, von der Stirn, aus dem Dekolleté. Im ganzen Finanzviertel gab es nur einen Imbiss, der am Sonntag geöffnet hatte. Er lag zwei Häuser entfernt. Glas (ich, Koffer), Glas (ich, Koffer). Ich war gut in der Zeit, gut in der Scheißzeit. Ich war immer pünktlich.(Leseprobe Copyright by Mitteldeutscher Verlag)
Top-Interview SCISSOR SISTERS Schwitzen in der Nachtschicht Sänger Jake Shears spricht über die Hintergründe des neuen Langspielers und verrät Erhellendes über New York und Berlin, Stuart Price und Neil Tennant sowie Disco als allerletzte Utopie. mehr
Top-Album I AM KLOOT Sky At Night Im melancholischen Grau schimmern unzählige Farben. Wie der Himmel über Manchester: Ein diffuses Leuchten. Der Tag kann kommen für I Am Kloot. mehr
Top-Buch DAVID NICHOLLS Zwei an einem Tag Eine packende Liebes- und Lebensgeschichte, die hautnah am Leben dran ist, beseelt von glaubwürdigen, realen Charakteren. Absolut lesenswert. mehr